sternstadt-forum.de will die Herausforderungen und Chancen neuer Bau- und Wohnformen als Alltagskultur begreifbar machenBaukultur Brauchen wir noch Architekten? Oder: Baukultur - was ist das? Bei Umfragen zum Thema „Baukultur" fiel den meisten nur der Kölner Dom ein und das Zeltdach des Münchner Olympiastadions. Baukultur wird offenbar als Kunst außerhalb des normalen Lebens betrachtet. Kein Wunder, denn wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg im Wohnbau das Bauen ohne Stil erfunden. Und so waren bei einer Befragung im Rahmen des Städtebau- und Wohnlandschafts-Wettbewerbs „sternstadt" gerade mal 10 Prozent von fast 40000 Befragten mit der Architektur der eigenen Behausung wirklich zufrieden - wahrlich kein Ruhmesblatt für den Nachkriegs-Wohnbau.
Offensichtlich ist es Architekten und Planern nicht gelungen, „gute Adressen" für jedermann zu schaffen. Statt in gesichtslosen Neubauvierteln würde die Mehrzahl der Befragten gern in anspruchsvoll renovierten Altbauten wohnen. Das gibt zu denken.
Zweifellos sind in den letzten 25 Jahren zu viele Wohnungen an den Wünschen der Bewohner vorbeigebaut worden. Eine fragwürdige, weil kostentreibende Förderpolitik hat uns einen heutzutage als Altlast empfundenen übergroßen Anteil an banalen Geschosswohnbauten in deutschen Städten herbeigeplant.
Was machen wir nun damit? Aus Alt mach Neu - was sonst? Und so wird sich der Großteil künftigen Bauens im Bestand abspielen - das ist die Herausforderung an die Architektur von morgen. Aber dafür brauchen wir eine sensiblere und komplexere Planung als bisher in Wohnbau, Politik und Verwaltung.
Dass Baukultur im Privatbau kein Thema ist, hat historische Gründe: nach dem Zweiten Weltkriegs blieb manch fortschrittliche Idee für den Wiederaufbau in den Schubladen, wenn Städtebauern und Architekten - meist zu unrecht - NS-Gedankengut nachgesagt wurde.
Die Folge: ein kultureller Bruch im Bauwesen und in der Wohnkultur, von dem wir uns bis heute nicht erholt haben. Die Irritation führte bei den Architekten zu einem Verlust jenes empirischen Wissens, das die alten Baumeister auszeichnete und bei den Bürgern zum Verlust von Augenmaß und Lebensart beim Streben nach dem Eigenheim.
Mit dem Bauen von Behausungen allein werden die Architekten nicht überleben. Wenn es ihnen nicht gelingt, über den Milliardenmarkt Modernisierung eine neue Baukultur in alten Mauern und damit ein öffentliches Bewusstsein für diesen Anspruch zu schaffen, wird es ihren Berufsstand im Wohnbau in wenigen Jahren nicht mehr geben.
Baukultur fordert:
- Das bundesweite Einerlei unorigineller und qualitativ fragwürdiger Zweckwohnbauten, ver-unstaltet durch „Verschönerungen" wie Haustüren mit Butzenscheiben, unproportionalen Dachfenstern und verstümmelnden Fassadenverkleidungen, muss vielfältig umgestaltet oder, wenn dies nicht möglich ist, abgerissen werden.
- Es gibt keinen Grund, nicht mehr anpassbare oder nur zu unsinnigen Kosten aufwertbare Banalbauten nicht radikal abzureißen: gefragt ist Baukunst statt Belanglosigkeit.
- Um die bedrohliche Banalität beim Bauen und Wohnen zu überwinden, gilt es vorhandene Qualitäten alter Bauten weiter zu entwickeln: Fantasie statt Firlefanz.
- Planer und Architekten müssen neue kulturelle Ambitionen schaffen - durch die Wiederentdeckung von Bewährtem und Gewachsenem auch in regionalen Traditionen.
- Lebendige Architektur muss Vielfalt in der Einheit schaffen anstelle der aktuellen Beliebigkeit, die Modelaunen als Lebensqualität verkauft. So könnte Architektur die Gesellschaft positiv verändern, auch wenn viele Architekten diese Hoffnung längst verloren haben.
- Stil entwickelt sich durch verinnerlichte Werte. Baukunst muss diese Werte wiederentdecken und weiterentwickeln als Gegengewicht zur Entfremdung durch Globalisierung und Industrialisierung.
Wo Ramsch zum Fetisch wird, verlieren wir unsere Identität. Die Architektur muss endlich ihre soziale Verantwortung wahrnehmen. Sie kann nicht länger nur individuelle Vorstellungen erfüllen, sie muss kollektiv, ganzheitlich und vernetzt arbeiten, denn was sie in die Welt setzt, müssen wir jahrzehntelang ertragen.
Norbert Thomas 1067641200 1 11 2003 00 00 Sa Samstag Nov November 03 1067610240